Sehaufgaben beim Sportschießen

Egon Weiler

Optometrist und Sportschütze


Einleitung

Dem Sehen im alltäglichen Leben kommt eine zunehmend stärkere Bedeutung und somit eine zunehmende Belastung zu. Sei es beim arbeiten am Bildschirmarbeitsplatz, Zeichenbrett, in der Schule, Ausbildung, Studium oder auch beim Autofahren. Die Sehanforderungen werden ebenfalls im privaten Bereich anspruchsvoller. Besonders beim sportlichen Schießen sind in den verschiedenen Disziplinen stark unterschiedliche Sehaufgaben zu bewältigen. Dies betrifft etwa 2 Millionen Schützen laut Angaben des Deutschen Schützenbundes. Für uns als Augenoptiker ist dieses Potential besonders interessant, weil das Sehen bei kaum einer anderen Sportart so extrem gefordert wird als beim Schiessen.

Allgemeines

Man kann mit Sicherheit sagen, daß ein optimales Ergebnis nur mit einem optimalen Sehen möglich ist. Selbst kleine Fehlsichtigkeiten die in normalen Lebensbereichen keine Rolle spielen, werden beim schießen zu Unsicherheitsfaktoren die über Erfolg oder Mißerfolg entscheiden. Da bei etwa 70% aller Menschen eine Fehlsichtigkeit vorliegt, ist die Wahrscheinlichkeit, daß man sich in dieser großen Gruppe der nicht optimal Sehenden befindet, recht groß. Hinweise hierfür sind zum Beispiel unrunde, ovale oder schiefe Zielscheiben (Spiegel), schnelle Ermüdung der Augen während des Zielvorganges, ständiges wechseln der schärfe von Spiegel, Korn und Kimme oder häufiges absetzen während des Zielvorganges.

Abb. 1 Abstände beim Gewehr Abb. 2 Abstände bei der Pistole

Grundvoraussetzung für optimales Sehen ist natürlich eine gute binokulare Refraktion. Doch auch das reicht bei einigen Disziplinen noch nicht aus und erfordert Stärkenänderungen und / oder spezielle Brillenfassungen (Schießbrillen). Bereits im Jahr 1550 kannte die Regensburger Brillenmacher-Zunft solche Vorrichtungen. Zielgläser ,damals für Gewehr, gehörten dort zu den geforderten Meisterstücken als Vorläufer der Schießbrille. Beim sportlichen Schießen, nur darum soll es hier gehen, wird mit unterschiedlichen Waffen auf stehende oder sich bewegende Ziele geschossen.

Gewehrdisziplinen

Bei den Gewehrdisziplinen des Deutschen Schützenbundes (DSB) gibt es zum Beispiel Luftgewehr, Kleinkaliber und Vorderladergewehr. Luft- und Kleinkaliber besitzen beide ein Diopter und ein Ringkorn. Auch bei einigen Vorderladergewehrdisziplinen wird mit Diopter visiert. Dieses Diopter ist eigentlich nichts anderes als eine Loch- oder Irisblende die die Schärfentiefe erhöht und ein gleichzeitiges Scharfsehen von Korn und Ziel ermöglicht. Das Diopter sitzt recht nahe vor dem zielenden Auge und wirkt somit wie eine Lochblende. Das Sehen geht also durch das Ringkorn hindurch auf das Ziel (in der Regel eine Scheibe mit schwarzem Spiegel , der etwas kleiner wie die Ringkornöffnung ist). Stellvertretend für diese Diziplinen sollen an späterer Stelle die Probleme und Sehanforderungen am Beispiel des Dreistellungskampfes aufgezeigt werden. Andere Gewehrdiziplinen z.B. Ordonanzgewehr, verschiedene Vorderladergewehrdisziplin werden mit der sogenannten offenen Visierung geschossen. Eine solche Visierung befindet sich auch auf einfachen Luftgewehren. Die offene Visierung finden wir auch bis auf eine Ausnahme bei den Pistolendisziplinen. Die Abstände von Kimme, Korn und zielendes Auge unterscheiden sich jedoch von den Gewehrdiziplinen. Diese Visierungsart besteht aus einem Kimmeblatt mit einem Ausschnitt je nach Waffenart. Rechteckige Ausschnitte finden wir bei modernen Waffen. U-förmige oder V-förmige Ausschnitte bei Originalen Schwarzpulverwaffen und deren Replikas (je nach historischen Vorbild). Auch beim Korn gibt es unterschiedliche Formen je nach Waffenart. Bei modernen Waffen ein aufrechtstehender rechteckiger Balken, bei Schwarzpulverwaffen gibt es unterschiedliche Formen. Je nach historischen Original sind diese z.B. Trapez-, Keil-, Kugel- und nadelförmig oder sogar nadelförmig mit einer kleinen Kugel als Abschluß. Beim Zielvorgang muß das Korn in die Mitte des Kimmenausschmittes gebracht werden und dabei mit der oberen Kante der Kimme abschließen. Eine dritte Visierung ist beim Tontaubenschießen zu nennen. Hierbei gibt es eigentlich gar keine Extravisierung wie bei den vorgenannten Disziplinen. Gezielt wird über die Rille zwischen den beiden Läufen oder über den Rücken des Einzellaufes (je nach Gewehr) hinweg auf das Ziel. Auch hierbei sind spezielle , von den anderen Disziplinen abweichende Sehanforderungen zu berücksichtigen. Beim Tontaubenschießen sind die Anforderungen recht einfach zu erfüllen.

Sehanforderungen und Lösungsmöglichkeiten:

Tontaubenschießen

* Optimales stereoskopisches Sehen für die Ferne
* Möglichst großes Gesichtsfeld (also eine große Fassung mit dünnem Rand).
* Gläser für eine kontrastreiches und reflexreiches Sehen (also je nach Neigung Filter,- gelb,- oder orange getönte superentspiegelte Gläser).

Waffen mit Diopter und Ring,- oder Balkenkorn

Bei allen Disziplinen die mit einer "Dioptervisierung" (Abb. 3) geschossen werden sind die Sehanforderungen ebenfalls einfach zu erfüllen. Die Mindestschußzahl kann bei diesen Disziplinen wohl mit ca. 45 (mindestens 40 Wertungsschüsse + beliebige Probeschüsse). Für das zielende Auge bedeutet das, daß es ein gleichmäßiges und ruhiges (entspanntes) Sehen über einen längeren Zeitraum hinweg bringen muß. Um ein solches sehen zu erreichen muß jede auch noch so kleine Fehlsichtigkeit ausgeglichen sein.

Abb. 3.

Während des Zielvorganges wird der Schütze häufig über ein unruhiges und anstrengendes Sehen klagen. Dieses Gefühl kommt von einem pendeln der Einstellebene von dem zielenden Auge zwischen Scheibe und Ringkorn. Bei einer Visierung mit einem Balkenkorn ist dieser Akkommodationsvorgang noch stärker zu beobachten. Abhilfe schafft hier eine zusätzliche Glasstärke von ca. +0.50 dpt bis +0.75dpt das den Fernpunkt in die Nähe des Ringkorns verlegt (der Schütz wird myopisiert). Dadurch wird die Scheibe zwar etwas unscharf, aber das ist durch den Vorteil eines ruhigeren und auf Dauer angenehmes und gleichmäßigem Sehen mehr als Wettgemacht.

Offene Visierung bei Gewehrdisziplinen

Das Zielauge reagiert auf eine ähnliche Art und Weise wie bei der Visierung durch ein Diopter wobei allerdings ein zusätzlicher Fixierpunkt fürs Auge dazukommt und zwar die Kimme. Das Zielauge pendelt also (ohne Ausnutzung der Schärfentiefe) von der Scheibe zum Korn und zur Kimme (Abb.4).

Abb. 4 Luftpistole

Daraus folgt wieder ein unruhiges, instabiles und wechselndes Sehen während des Zielvorganges. Auch hier wird ein sphärische Zusatzstärke von +0.50dpt bis +1.00dpt Abhilfe schaffen.

Abb. 5 Seheindruck richtig Abb. 6 Vorsatz zu schwach Abb. 7 Auge pendelt Abb. 8 Vorsatz zu stark

Pistolendisziplinen

Das Pistolenschießen läßt sich grob in 2 Gruppen einteilen.
- a.) In die dynamischen Disziplinen wie z.B. IPSC Schießen
- b.) In die statischen Disziplinen wie z. B. beim Standart-, Sportpistolen- oder Vorderladerschießen In den dynamischen Disziplinen werden auf teilweise sich bewegende Ziele wie z. B. Bowling-Pins, runde Metallplatten oder Klappscheiben geschoßen, wobei der Schütze während des Wettkampfes aus wechselnden Stellungen und Körperhaltungen schießt. Das Ergebnis setzt sich dann aus der Treffsicherheit kombiniert mit der gestoppten Zeit zusammen. Bei den Kurzwaffen findet sich in Bereich auch die Ausnahme zur offenen Visierung und zwar ein Lichtpunktvisier (Abb.9). Hierbei wird zum beispiel ein Lichtpunkt auf ein Fernrohrsystem aufgespiegelt der dann zum zielen benutzt wird. Aber auch die offene Visierung kommt hier zum tragen. Eine Sehhilfe wie beim Tontaubenschießen wird auch bei den dynamischen Disziplinen wohl am besten sein (optimale Fernbrille eventuell mit getönten und superentspiegeltn Gläsern). Zu den statischen Disziplinen gehören Disziplinen wie z.B. Luftgewehr, Kleinkalibergewehr,Schwazpulvergewehr, Luftpistole, Sportpistole (Klein,- und Großkaliber), Standartpistole, Vorderladerrevolver und Vorderladerpistole und noch andere mehr. Innerhalb dieser Disziplinen wird auf unterschiedliche Ziele und in unterschiedlichen Entfernungen geschossen, wobei sich das Ziel auch bewegen bzw. vor - oder wegklappen kann. Eins haben aber diese Disziplinen alle gemeinsam und, daß man innerhalb einer Wertungsserie der Stand (Stellung) nicht wechselt und das sie mit einer offenen - oder Dioptervisierung bewältigt werden. Als Hauptsehanforderung gilt bei stehender Scheibe ein ruhiges, entspanntes Sehen mit guter Schärfentiefe über den gesamten Zeitraum des Wettkampfes hinweg. Der Fernpunkt sollte also auch hier in der Nähe des Korns (bei Presbyopie sogar zwischen Korn und Kimme) liegen. Dies wird durch einen sph. Schießzusatz von +0.75dpt bis +1.25dpt erreicht. Bei sich bewegenden Zielen, z.B. Duell und Standart, ist eine eventuell vorhandene Irisblende zumindestens voll aufzumachen um ein größeres Gesichtsfeld zu bekommen (auf Kosten der Schärfentiefe). Doch das hängt, wie auch vieles mehr, vom persönlichen Empfinden des Schützen ab und sollte mit Ihm vor Ort abgeklärt werden.

Refraktion und Justierung der Schießbrille

Voraussetzung für eine gute Schießbrillenanpassung ist eine optimale binokulare Refraktion und ein Grundwissen über die Besonderheit der Disziplinen die geschossen werden sollen. Darüberhinaus werden nur noch mit sph. Zusatzgläsern gearbeitet, die den Fernpunkt in die gewünschte Lage bringen sollen (Myopisierung). Genauso wichtig wie die Refraktion ist aber auch die Justierung der Schießbrille. Bereits während der Refraktion sollte der HSA genauso sein wie in der späteren Schießbrille. Hierbei hat sich bei mir die Refraktionshilfe der Firma Knobloch aus Karlsruhe (Abb.10) sehr gut bewährt. Sie läßt sich auf die später benutzte Pistolen ,- Gewehr,- oder Bogenbrille anbringen und den späteren Anforderungen entsprechen genau juistieren. Das spätere Brillenglas muß senkrecht zur Fixierlinie und paralell zum Visier vor das zielende Auge angebracht werden (Bezugspunktforderung und Augendrehpunktforderung müssen erfüllt sein). Beim Dreistellungskampf muß eventuell die Schießbrille von der Einstellung her den veränderten Kopfhaltungen angepaßt werden (siehe Abb.11 bis Abb.13).

Abb.11 Position Stehend Abb.12 Position Kniend Abb.13 Position Liegend
Auch beim Pistolenschießen müß den unterschiedlichen Gewohnheiten und Stellungen der Schützen bei der Anpassung der Schießbrille rechnung getragen werden (sie Abb.14 bis Abb.16).
Abb.14 steiler Anschlag Abb.15 normaler Anschlag Abb.16 offener Anschlag

Das nichtzielende Auge

Während des Zielvorganges sollte das nichtzielende Auge abgedeckt werden. Hierbei kann es mit einer transparenten, oder volldurchgefärbten Abdeckscheibe verdeckt werden Mittels eines Polfilters läßt sich der Seheindruck soweit unterdrücken, daß er beim binokularem 'Sehen nicht mehr als störend emfunden wird. Manchmal sieht man auch recht eigenwillige Anordnungen. Abb.17. Die Abdeckung des linken nichtzielenden Auges erfolgt hier mittels eines drehbaren und auswechselbaren gelben matten Vorsatz. Diese Anordnung ermöglicht ein binokulares Sehen ohne farbunterschiede. Durch das gelbfilterglas wird der Kontrast zwischem der weißen Scheibe und dem schwarzen spiegel erhöht. Der Blick nach unten (z.B. zum laden der Luftpistolenkugeln wird hier auch bei höherer Myopie ermöglicht. Beim schießen mit Schwarzpulverwaffen ist eine Schutzbrille mit Seitenschutz vorschrift. Eine Schießbrille mit zusätzlichem Seitenschutz wird vom Deutschen Schützenbund jedoch auch akzeptiert.

Schlußbemerkung

Eine Schießbrille ist eine besondere Sehhilfe für höchste Sehanforderung und erfordert eine individuelle Ausmeßung und Anpassung. Die Feinabstimmung sollte auf jeden Fall mit der Waffe des Schützen auf dem Schießstand erfolgen. Achten sie unbedingt darauf das die Waffe nicht geladen ist sonst könnte die Sache für sie ins Auge gehen. Falls Sie sich nicht selbst vom Zustand der Waffe überzeugen könne, so bitte sie den Schützen selbst sich davon zu überzeugen und lassen Sie es sich zeigen. Zum Abschluß möchte ich Ihnen einen Merksatz mit auf den Weg geben der da lautet: Es hat noch nie einen schlechten Schützen gegeben, sondern höchstens schlechte Umstände.

Für Fragen und Anregungen stehe ich gerne zu Verfügung.

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